Aktuelle Andacht | Themen

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  • Themenneu: Vor 80 Jahren gezeichnet: die Stalingrad-Madonna | Fürbitten | Wie hören Sie einen Gottesdienst?

Grafik Wendt


Andacht

Buß- und Bettag
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Liebe Leserinnen und Leser, 

„Und jetzt?“

Die diesjährige Initiative zum Buß- und Bettag geht auf die breite Verunsicherung in der Gesellschaft ein. So viel Verunsicherung war lange nicht: Lieferengpässe bei Gebrauchsgütern, explodierende Energiepreise, eine Inflationsrate, die zunehmend mehr Menschen in die Armut treibt – und das nach zwei Jahren Pandemie, wo alle ausgelaugt sind und eigentlich auf ein entspannteres Leben gehofft hatten. Nicht nur das Gesamtgefüge gerät aus dem Lot, auch persönlich haben uns die zurückliegenden beiden Jahre vielfach an unsere Grenzen geführt. Und zu allem Überfluss tobt seit einigen Monaten ein furchtbarer Krieg in der Ukraine, mit ungewissem Ausgang. 

  • Wie weiter?  
  • Was tun? 
  • Worauf hoffen – im Großen wie im Kleinen und im Persönlichen? 
  • Kommt es vielleicht noch schlimmer? 
  • Oder gibt es doch Perspektiven, die hoffen lassen? 

Diese Fragen greift die Initiative zum Buß- und Bettag 2022 unter dem Titel „Und jetzt?“ auf. Antworten und Impulse erwarten Sie im Gottesdienst am Buß- und Bettag am 16. November um 19 Uhr in der Petruskirche.     
Wir werden diesen Gottesdienst als Beicht- und Abendmahlsgottesdienst feiern. 
Der Buß- und Bettag ist seit jeher ein Tag der Umkehr und der heilsamen Neuausrichtung. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht die Botschaft des Evangeliums vom Feigenbaum das Hoffnung macht und den Bußtag in den Horizont der Verheißung Gottes stellt. Und dass trotz Coronakrise, Ukrainekrise und Klimakrise. Das Ganze einmal aus dem Horizont der Verheißung Gottes zu sehen verändert möglicherweise die Sicht auf die Welt und die Dinge in der Welt. 
Der Buß- und Bettag erinnert daran, dass wir an jedem Tag umkehren können und müssen.            
Buße betrifft aber nicht nur den Einzelnen: Auch der Gemeinschaft tut Besinnung gut. Und so sprechen die biblischen Texte an diesem Tag von Gottes Zorn und Gottes Enttäuschung über die Menschen, die nicht auf ihn hören. Aber sie erzählen auch von Gottes Geduld, mit der er auf unsere Einsicht wartet und auf unsere Rückkehr zum Weg der Gerechtigkeit, der Liebe und Achtsamkeit hofft. Sowohl als Einzelne als auch als Gemeinschaft. Denn es wird Zeit darüber nachzudenken: „Und jetzt ?" 


 Jean-Pierre Barraud


Themen



Vor 80 Jahren: Stalingrad-Madonna gezeichnet

Dezember 1942: In Stalingrad stehen die 6. deutsche Armee und ihre Verbündeten mit dem Rücken zur Wand, in Nordafrika ist das Afrikakorps auf dem Rückzug, und über Deutschland häufen sich die Bombardements der Alliierten. In den Tagen vor Weihnachten zeichnet der protestantische Pastor und Arzt Dr. Kurt Reuber (1906–1944) mit Holzkohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte die sogenannte Stalingrad-Madonna. Er ist zwei Tage vor der Einkesselung aus dem Fronturlaub nach Stalingrad zurückgekehrt... 

Die Kohlezeichnung zeigt eine sitzende Frauengestalt. Wie eine katholische Schutzmantelmadonna birgt sie unter ihrem Mantel ein Kind und gibt ihm Schutz und Geborgenheit. Die Darstellung trägt die Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. Drei Dinge, die die Soldaten im Stalingrader Kessel nicht mehr erleben. Sie sterben zu Hunderten und ahnen, dass sie ihre Familien nicht wiedersehen werden. Die einen haben damals jeden Glauben verloren, den an Hitler, aber auch den an Gott. Andere halten sich an Gottes besserer Zukunft wie an einem Gegenentwurf zur Welt fest. „Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!“ 

Der Pastor und Dichter Arno Pötzsch (1900-1956), der mit Kurt Reuber persönlich verbunden war, verdichtete die Empfindungen unter anderem so:
„Licht, Leben, Liebe - ach, nicht einer fand
mit seinen Sinnen, was ihn tiefst bewegt!
Lichtlos die Nacht, die Herzen haßerregt,
das arme Leben schon in Todes Hand -
das ist die Welt, in der die Männer feiern,
vereint, stumm in ungeklagter Not,
schier wie in Gräbern unterm Steppenwind!
Und einer wagt's und glaubt für sie an Gott,
reißt ihre Blicke hin zu diesem Kind,
weil Gott die Welt will in dem Kind erneuern.“
Manchmal muss man eben stellvertretend für die anderen glauben...

Die Zeichnung wurde mit einem der letzten Flüge aus Stalingrad ausgeflogen und gelangte durch einen Schwerverwundeten in die Hände der Familie. Die übergab es 1983 auf Anregung von Bundespräsident Karl Carstens der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Um die Weihnachtszeit 1943 malte Kurt Reuber in einem Kriegsgefangenenlager 1.000 Kilometer nordöstlich von Stalingrad ein ähnliches Bild für die Gefangenenzeitung. Auch die Gefangenen-Madonna gelangte später zu Reubers Frau, zusammen mit der Nachricht, dass er nach schwerer Krankheit am 20. Januar 1944 im Lager gestorben sei. Die Stalingrad-Madonna findet sich heute in verschiedenen künstlerischen Reproduktionen in vielen Kirchen und kirchlichen Häusern, darunter seit 1990 auch in der Kathedrale von Coventry. Manche stehen direkt mit Lebensstationen von Dr. Kurt Reuber in Zusammenhang. Eine Kupfertreibarbeit der Stalingrad-Madonna befindet sich am Grabstein von Johannes Willnauer (1920–1985) auf dem Friedhof in Steyr (Oberösterreich). Er war in Stalingrad Sanitäter bei der Einheit, der auch Kurt Reuber angehörte. Nach dem Krieg wurde er Priester und Religionslehrer.

Friedensgebet
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

(Friedensgebet vom Anfang des 20. Jahrhunderts)

Dr. Hansjörg Biener

Wikipedia-Bild von JoJan - Eigenes Werk, Gemeinfrei,
 


Im Dialog - Thema Fürbitten 

Barbara Bauer:

das hinterleuchtete Glaskreuz hilft mir, mich auf die Für-Bitte zu konzentrieren
Bildrechte Bauer

Früher habe ich Fürbitten-Gebet im Rahmen der Liturgie kaum wahrgenommen.

Erst bei der Vorbereitung zur Hochzeit 1989 hat mein Mann diese besondere Gebetsform beleuchtet. Er ist katholisch aufgewachsen. In der katholischen Kirche werden die Heiligen angerufen, um Fürbitte bei Gott einzulegen. Das Gefühl, dass besonders in diesem Gebet sich die Gemeinde mit demjenigen verbindet, für den Fürbitte gehalten wird, war für ihn sehr präsent.

Seither achte ich mehr auf die Fürbitten, die in der evangelischen Kirche direkt an Gott gerichtet werden. Bisweilen wird ganz deutlich, mit wieviel Sorgfalt, Umsicht und genau an Bedürfnissen ausgerichtet manche Fürbitten formuliert werden und dann nehme ich diese Anliegen in meinen Gedanken mit.

Man kann auch selbst im Stillen ein Gebet für jemand anderen sprechen, also Für-Bitte halten.


Pfarrer Jean-Pierre Barraud: „Das Gebet ist ein Gespräch“

So lautet eine kurze Definition zum Gebet. Das Gebet als Gespräch mit Gott setzt dabei ein Gegenüber voraus, das nicht nachweisbar im Raum ist, aber dessen Annahme von größter Bedeutung für das Gebet ist. Das Gebet ist eine zeit- und ortsunabhängige Redeform der Menschheitsfamilie. Durch das Gebet treten wir Menschen in eine Beziehung zu Gott. Prof. Michael Meyer-Blanck schreibt zum Gebet: „Das christliche Gebet ist das Gespräch mit Gott durch und mit Jesus im Heiligen Geist, durch das wir unserer Beziehung zu dem uns schaffenden, befreienden und heiligen Gott gewiss werden.“ 

Zu unterscheiden sind dabei das persönliche Gebet in einer Kirche vom öffentlichen Gebet in einem Gottesdienst. Der Adressat bleibt der Gleiche, aber das Gebet verändert sich vergleichbar einem Gespräch mit einer Freundin oder einem Freund im einen Fall und im anderen Fall hat es den Charakter auf eine größere Hörerschaft ausgerichtet zu sein um mit ihnen vor Gott zu beten. 

Das Gebet wird von einer Erwartung getragen. Nämlich gehört zu werden vom Gegenüber. Um überhaupt beten zu können, braucht es die Übung. Formulierte Gebete können dabei eine große Hilfe sein. 

Aber zum Gebet gehört auch das Stammeln. Das nach Worten ringen. Das unfertige, das ausgesprochene wird dabei verknüpft mit der Annahme, dass nicht mein Wille, sondern sein Wille geschehe. 

Vor dem Beten steht immer auch das Schweigen. Im Wahrnehmen des eigenen Atems können die Worte beginnen zu fließen. Martin Luther schrieb deshalb: „Nächst dem Predigtamt ist das Gebet das höchste Amt in der Christenheit.“ Denn „das Gebet kommt aus einer Gegend, wo die Worte versagen“ wie sich Dirk Pilz ausdrückt. Mit einem Gebet nähert man sich Gott, der alle Sprache übersteigt.

Zum Abschluss ein Fürbittengebet in „leichter Sprache“, das ich in einem Buch über die Kunst des Gebets gefunden habe: 
„O Gott! Wir seufzen.
 Sorgen plagen uns. 
Machen uns das Leben schwer. 
Jedes Lächeln ist verschwunden. 

Gott, wir bringen unsere Sorgen vor dich. 
Bitte! Nimm sie an und trag mit! 
O Gott! Wir rufen verzweifelt. 

Dunkle Gedanken quälen uns in der Nacht. 
Wie geht es nur weiter? 
Die schönen Dinge - wir sehen sie nicht mehr. 

Gott, gib uns Hoffnung! 
Mein Gott! Wie schön! 
Kleine Dinge zaubern ein Lächeln. 
Eine Blumenwiese, ein Sonnenstrahl, ein aufmunternder Blick. 

Gott, sorg du für uns! 
Bitte! 
Dann wird das Leben leicht. 
Amen.“  


Gedanken zum Gottesdienst mit Jahreslosung oder

Wie hören Sie eine Predigt?

das Zeltdach in der Andreaskirche
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Zu meiner Zeit erinnerte der Kindergottesdienst sehr an den Religionsunterricht in der Schule, bei dem Frau Herold wahlweise Fleißbildchen verteilte, wenn man brav seine Texte auswendig gelernt hatte oder in eine freie Zimmer-Ecke verwies, wenn man sich nicht untadelig verhielt. Damals wurde das Apostolische Glaubensbekenntnis sprachlich überarbeitet und es galt aufzupassen, damit man nicht aus Versehen die alte Version aufsagte.

Später retteten die harten Kirchenbänke in Andreas die Konfirmandin manches Mal vor dem Einschlafen. Die Predigten waren bisweilen so fesselnd, dass man währenddessen mehrmals die Anzahl der Holzbretter im Ludwigsfelder Kirchen-Zeltdach zählen konnte.

Der Funke sprang bei einer Schulung für Kindergottesdienst-Mitarbeiter über, zu der mich Pfarrer Dr. Karl-Hermann Mühlhaus mitnahm. Peter Janssens spielte mit seiner Band mitreißende neue Kirchenlieder.
Einen wichtigen Rat gab mir meine Mutter bei der Vorbereitung von Andachten im Ludwigsfelder BRK-Heim mit. Ihr war es wichtig, dass man aus Andachten und Gottesdiensten (mindestens) einen Gedanken mit in die bevorstehende Woche nehmen kann.
In Verbindung mit der Kirchenmusik kann es natürlich auch eine Melodie sein, die begleitet. Joseph Haydn hat es für die Musik so ausgedrückt: „Da mir Gott ein fröhliches Herz gegeben hat, wird er mir schon verzeihen, wenn ich ihm fröhlich diene.“

Seit einigen Jahren berichte ich von Gottesdiensten aus unserer Gemeinde und habe es mir angewöhnt, während der Predigt Notizen zu machen. Das ermöglicht
nicht nur ein genaueres Hinhören, sondern auch, Gedanken nachzuvollziehen und weiterzuverfolgen.

Dieser eine Gedanke aus dem gemeinsamen Gottesdienst der drei KOOP-Gemeinden am 2.1.2022 heißt für mich: Alle sind bei Gott ohne Wenn und Aber herzlich willkommen.

Ist das nicht ein beglückender Wegbegleiter für das Jahr 2022…?
Barbara Bauer