Die Portale

1972 erhielt die Petruskirche neue Relief-Eingangstüren.
Sie führen vom Petrusplatz in den Vorraum der Kirche und zeigen Szenen aus dem Leben des Petrus, dem Namensgeber unserer Kirche.
Gestaltet hat sie Bildhauer und Kunstmaler Günther Späth (1921-1991) aus Ulm.
Der Künstler Günther Späth hatte eine besondere Beziehung zur evangelischen Stadtkirche in Neu-Ulm. In jungen Jahren hatte er hier Orgel gespielt. Im zweiten Weltkrieg hat er dann einen Arm verloren.
Dennoch hat er eine Wirkungsform gefunden, die wir in allen drei Neu-Ulmer Kooperationsgemeinden wiederfinden können. Er wurde als Maler und Bildhauer tätig.
* Offenhausen Altarbild
* Ludwigsfeld Betonrelief (und in jüngster Zeit Metallrelief und Glasbilderzyklus)
Späth hatte sein Atelier über geraume Zeit in der Ruine der Ruine der Dreifaltigkeitskirche in Ulm, heute ist es das Haus der Begegnung.

Mit Mitteln der Gemeinde und einer Stiftung der Stadt Neu-Ulm war es möglich, Späth mit der Gestaltung der Portale zu beauftragen. Im November 1972 war das Werk fertig.

Dekan Klaus Schmid verdeutlichte die Gedanken dazu in der Predigt bei der Einweihung. Später fertigte Pfarrer Joachim Pennig auf Basis dieser Gedanken ein ganzes Heft zu den Portalen. (im Folgenden Auszüge aus beiden Texten)

 

Die Bronzetüren der Petruskirche

Auf den Türen sind in szenischer Form Momente aus dem Leben des Apostels Petrus dargestellt, die auf das hinweisen, was in dieser Kirche geschieht.
Der Betrachter, der vielleicht geschäftig an der Kirche vorbei durch den Alltag eilt, wird eingeladen innezuhalten, zum Gottesdienst zu kommen und sein Leben, wie Petrus damals („Folge mir nach!“),  von Gott erhellen zu lassen.
Dabei ist die Gestalt des Petrus wohl besonders geeignet, weil es nicht Heldengeschichten sind, sondern Erzählungen des Scheiterns, des Versagens und Fallens, kurz, der ganzen Menschlichkeit.
Daneben gibt es aber dann gerade für Petrus die Vergebung und die Geschichten des Vertrauens, die dem Betrachter zeigen, dass auch er angenommen wird von Gott, so wie er ist, mit aller Menschlichkeit und allem ,in der Welt sein'.

Die Evangeliums-Tür - das linke Portal

Evangeliumstür
Bildrechte: Bauer

1. Die Evangeliums-Tür 
Ein großes schräges Kreuz fällt als erstes von dieser Türe ins Auge, wenn man sich, über die Brücke von Ulm kommend, der Petruskirche nähert.

Aber entgegen der ersten Vermutung ist es nicht nur das Kreuz Christi, sondern zugleich auch das Kreuz Petri, das Kreuz der Menschen in der Nachfolge unseres Herrn Jesus.

Nichts im Leben ist immer nur klar, immer nur richtig, immer eindeutig.
Zwischen Glaube und Zweifel gibt es eine enge Beziehung und ein ständiges Hin und Her.

Darum geht es im Leben des Petrus, darum geht es in unserem Leben, darum geht es in dieser Kirche: Um das Leben.

2. Das Petrusbekenntnis  - die Grundlage
Zum einen: Petrus weist hin auf Jesus: „Du bist der Christus, der Sohn Gottes.“
Das will sagen: In der Art, wie dieser Mensch Jesus von Nazareth wirkt - das ist nicht eine einmalige interessante und unverbindliche Leistung eines genialen Menschen, sondern hier zeigt sich die Wesensart Gottes; der Sohn macht sie sichtbar.
Umgekehrt: Dass dieser Mensch Jesus in der vom Tod gezeichneten Welt so viele heilende Kräfte ausstrahlt, ist überhaupt nur verständlich, wenn er Gott im Rücken hat.

Zum andern: Jesus weist hin auf Simon: „Du soll Petrus(,Fels') heißen und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen,“
So will diese Szene jeden Gottesdienstbesucher daran erinnern: In dem Bekenntnis des Petrus wird die grundlegende Gewissheit der Kirche ausgesprochen - auch der evangelischen Gemeinde in Neu-Ulm.
 
3. Der Fall - das Menschliche
Unmittelbar im Anschluss an das Bekenntnis des Petrus zu Christus als dem Repräsentanten Gottes in der Welt hat Jesus den Seinen klargemacht, dass Liebe in dieser Welt unauflöslich verbunden ist mit der Bereitschaft zur Hingabe und zum Opfer.  Hart widerstrebt der Mensch - auch der fromme Mensch, der in diese Kirche geht - von seiner Natur her solcher Preisgabe seiner selbst in Opfer und Widerstand.
Der Künstler stellt nicht den einsamen Schmerzensmann vor uns, sondern er setzt den frommen Menschen in unmittelbare Beziehung zu dem Schmerzensmann.
Petrus, der erste Christ, der die Größe der Liebe Gottes in Jesus Christus erkannt hat, bedeckt sein Gesicht mit den Händen: Er lehnt den Weg des Leidens ab.
Der Künstler hat das fast krass zum Ausdruck gebracht: Petrus „liegt quer“ zum Schmerzensmann; das ist Andeutung des Falles: Wir sagen schnell ein risikoloses Ja zu Jesus – aber ein Nein zum Opfer…
Dabei wird es wohl so bleiben, dass auf die Dauer nicht Kräfte des Lebens von uns ausgehen können, wenn wir nur immer Angst haben um uns selbst und um unser eigenes Leben.

4. Der Hahn - das Unmenschliche
Verleugnung: „Und alsbald krähte der Hahn“ heißt es in der Geschichte von der Verleugnung des Petrus - und immer wieder auch in der Geschichte der Christenheit.
Der Hahn musste daher auf unserer Tür zu finden sein. Er signalisiert den Widerstand, den auch Petrus, d. h. der fromme Christ, der Sache Gottes entgegensetzt, wenn's darauf ankommt.
Der Hahn ist aber auch Sinnbild des Rufs, der in dieser Kirche laut wird und der unser Gewissen wecken will.

5. Ostern - das Übermenschliche
Das Grab ist leer.
Die angedeuteten Leichentücher liegen noch sinn-Ios(e)herum. Der Tod, den sie symbolisieren, hat seine Macht verloren.
Petrus läuft hin.
So wie er zum Auferstehungs-Grab kommen die Menschen heute zum Gottesdienst und hören diese unglaubliche Verkündigung immer wieder: Christus ist auferstanden von den Toten und hat den Tod durch den Tod zerstört. Trau Dich zu leben. Vertraue! Glaube an das Leben! Schenke der Macht Gottes Gehör - auch und gerade weil sie alles Dagewesene und Denkbare übersteigt.

6. Das Vertrauens-Vlies
Auf dem rechten Türflügel der linken Türe sind verschiedene Geschichten, in denen Petrus vorkommt, in einer Art Vlies zusammen komponiert.
Sie haben als gemeinsames Thema das Vertrauen, sowohl zu Jesus als auch von Jesus.
Mittendrin das Schlüsselloch zur Kirche - als Gleichnis vielleicht, dass nur Vertrauen den Glauben aufschließen kann, dass nur Vertrauen Gemeinde gründet, dass nur auf der Grundlage von Vertrauen Kirche entstehen kann. Vertrauen braucht ein Mensch zuerst und grundlegend. Vertrauen erschließt Leben und Beziehungsfähigkeit, macht Gemeinschaft möglich und ist die Grundlage für jede Art von Zusammenleben.
> Seewandel (Matthäus 14, 25-31) - Zwei Szenen hat Günther Späth aus dieser Geschichte ausgewählt, die die zwei Seiten des Vertrauens in ein und demselben Petrus zeigen: ganz links auf dem Vlies versinkt eine Figur kopfüber in den Wellen. Und etwas rechts davon oben auf dem Wellenkamm ein Boot, bei dem Petrus gerade im Vertrauen auf das Wort Jesu die Netze auswirft.
Dort, wo ein Mensch so viel Vertrauen zu Gott aufbringt, dass er das eigentlich Unmögliche doch wagt, dort ist der Griff, der die Türe öffnet, der Zutritt verschafft zum Reiche Gottes. Und dort, wo Petrus im plötzlichen, ihn erschreckenden Zweifel versinkt, dort ist das Schloss das die Kirche öffnet und verschließt.
Zwischen beiden Teilen unserer Seele geht ein Spalt, ein Riss eine Trennungslinie hindurch, die der Künstler im Türspalt genial wiedergegeben hat: Manchmal ist er kaum zu spüren, manchmal klafft die Seele gerade da in sich selbst weit auseinander. Aber genau da fügt sie sich auch wieder zusammen, wenn ein Mensch die Kirche betreten hat und die Türe hinter ihm ins bergende Schloss fällt.
> Fischzug (Lukas 5, 4-6) „Auf Dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“ Simon Petrus ist es, der diesen vertrauensvollen Satz spricht.  So ist unser Glaube in manchen Situationen: Wider das menschliche Ermessen können wir Gott mehr zutrauen als wir selber es je für möglich halten. Oder anders gesagt: Es gibt immer eine dritte Möglichkeit: Die Göttliche!

Ganz fein und fast übersehbar hat der Künstler das ins Vertrauens-Vlies gearbeitet. Dieses Zutrauen zu Gott ist nichts, mit dem man lauthals hausieren gehen kann. Natürlich fällt uns zu diesem Netz auch ein, dass Jesus den Petrus zum Menschenfischer gemacht hat.

7. Beauftragung
Dreimal verleugnet Petrus seinen Herrn im Hof vor dem Hohen Rat.
Dreimal fragt Jesus nach der Liebe des Petrus, um das, was in der Nacht der Verhaftung geschah, wieder aufzuheben, rückgängig zu machen, was eigentlich nicht rückgängig gemacht werden kann, außer eben bei Gott.

Und zusammen mit dieser Versöhnung und um zu zeigen, dass es wirklich eine Aufhebung, eine Vergebung ist und nicht nur bedeutungsloses Wort, wird Petrus von Jesus noch einmal beauftragt, wie ganz am Anfang, zum Menschen fischen. Jetzt heißt es: Weide meine Lämmer, weide meine Schafe. (Johannes 21):

Der Künstler hat ganz einfühlsam versucht dieses Aufrichten, das in der Vergebung steckt, in Szene zu setzen. Der Gebeugte erfährt Halt, Unterstützung, wird ermutigt durch die Hand des von Gott gesandten.
Drinnen im Gottesdienst dieser Kirche wird dieses Aufrichten Sonntag für Sonntag wiederholt, wenn die Vergebung und das Erbarmen Gottes den Menschen zugesprochen werden, wenn nach dem Sündenbekenntnis der Gnadenzuspruch folgt.


Aposteltür
Bildrechte: Bauer

Die Apostel-Tür - das rechte Portal

8. Die Aposteltür
Wie eine kleine Pergamentrolle, die von oben her aufgerollt wurde, beherrscht die rechte Tür ein zentrales Motiv. Auf dem Pergament dargestellt sind die Petrus-Geschichten aus der Apostelgeschichte.
Daher die Bezeichnung „Aposteltüre“.

Während es auf der Evangeliums-Türe um Gott und den Menschen ging, geht es hier auf der Apostel-Türe um Gott und die Welt.

Wer durch diese Türe hineingeht, kommt aus der Welt. Und wer durch sie herausgeht, geht in die Welt.

Dazwischen aber begibt er sich unter die Kraft Gottes. Diese hat nicht nur die Welt erschaffen, sondern erhält und trägt sie auch mit ihrer unsichtbaren Energie. Menschen können im Gotteshaus davon erfasst werden und sie dann hinaustragen, um die Welt mit zu gestalten.

9. Das Pfingstwunder - Die Kraft der Schöpfung  
Als heran rollende Welle hat Günther Späth das Brausen ins Bild gebracht, aus dem heraus sich die Feuerzungen gerade lösen, um als Symbol für die Geistesgabe auf die Gemeinde zu fallen.

Kirche lebt nicht aus sich selbst, denn es ist Gottes Kirche. Die Kraft, die Kirche erhält, ist die Kraft der Schöpfung, der Heilige Geist.
Die Elemente Wasser und Licht haben im Schöpfungsbekenntnis symbolische Bedeutung.
Dies nimmt Günther Späth auf, wenn er in der Welle mit Wasser und Licht andeutungsweise spielt.
Er zieht damit eine Linie von der Schöpfung über Pfingsten bis hin zur Taufe, in der sich Wasser und Heiliger Geist (Licht der Welt) verbinden und so den neuen Menschen aus uns machen, der Mitglied dieser Kirche und Kind Gottes wird. So ist in wenigen Elementen alles gesagt, was Fundament und ‚Zugang‘ zur evangelischen Kirche ist.

10. Die Pfingstpredigt - Von Gott zum Menschen
(Apostelgeschichte 2, 1-4)  (Die Gesichter, die hier recht deutlich ausgearbeitet sind, lassen auch die Verbindung zu einer anderen Bibelstelle zu: „Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch.“(Johannes 14, 27))                              

Aus der Tiefe des Alten Testamentes, vom Anklang der Schöpfung, über die Erlösung in der Heils-Tat Christi bis zur Heiligung im Glauben zieht Petrus bei seiner Predigt den Bogen.
Der Geist verbindet die einzelnen Aussagen der Bibel zu einem großen Ganzen. Es geht nicht um Geschichte, sondern um Heilsgeschichte, nicht um Aufrechnen, sondern um Aufschauen, nicht um Menschenschwäche, sondern um Gotteskraft.
Damit legt Petrus den Grund für das evangelische Predigtverständnis. Nicht einzelne Bibelstellen sollen die Meinungen der Menschen untermauern, sondern die Bibel ist als Ganzes zu lesen und der Geist wird das Verstehen schenken,.

Günther Späth stellt diesen Zusammenhang in die Mitte seines Werkes auf der rechten Türe. Die protestantische Predigttradition ist zu Recht der Durchgangspunkt, die Verbindung zwischen Gott und der Welt und hat eine zentrale Stellung in Gottesdienst und Gemeindebewusstsein. Wer immer diese Kirche durch diese Türe betritt, kommt am hier gepredigten Wort Gottes nicht vorbei.

Dahinter verbirgt sich der stille Wink zur Bibellese auch zu Hause, wie es gute christliche Tradition ist. Und es macht deutlich, dass die Bibel nicht für die Kirche, sondern für die Welt geschrieben ist.

11. Petrus und der Hauptmann Kornelius – von Mensch zu Mensch
(Apostelgeschichte 10, 1-8)
Nach dem Bericht der Apostelgeschichte ist der Hauptmann der römischen Garnison in Cäsarea der Heide Kornelius. Ihm wird die Verheißung zuteil: Dein Gebet ist erhört!
Zu diesem Zeitpunkt ist er noch nicht getauft, gehört er nicht zur Gemeinde. Und doch steht er schon unter der Gnade Gottes, steht mit Gott im Gebet in Verbindung.
Hier wird eine Einladung ausgesprochen, die über jedes enge Gemeindeverständnis hinausgeht.

Späth macht mit dieser Szene deutlich, dass diese Türe immer offen sein soll für die Fragen der Menschen, die Gott suchen, auch wenn sie noch nicht zur Gemeinde gehören.

12. Steh auf und iss! - Grenzen überwinden.
Gleichzeitig zur Anrede Gottes an den Hauptmann Kornelius hat Petrus eine Vision: Er sieht einen Sack mit kultisch unreinen Tieren und hört den Befehl: „Schlachte und iss!“ Als gesetzestreuer Jude wehrt er sich dagegen. Da wird ihm gesagt: „Was Gott gereinigt hat, das heiße du nicht unrein!“

Mit Bedacht haben wir auch diese Szene an der Tür unserer Kirche anbringen lassen: Diese Gemeinde will das Zeugnis von ihrem Herrn nicht nur im inneren Kreis der schon Dazugehörigen bedenken, sondern sie will ‚ Kirche für die Welt‘ sein. Sie weiß sich nicht nur zu denen gesandt, die schon im Glauben stehen, …

Wer Grenzen überspringen will, anderen helfen will, der kann das nur, wenn er mit sich selbst  ‚ins Reine kommt‘, und das heißt, auch in sich selbst annehmen kann, was Gott ihm gegeben hat und wie er ihn gemacht hat. Was Menschen nicht denken können, kann die Liebe Gottes doch wahr machen.
Günther Späth zeigt in diesem Relief ganz hintergründig: Türen sind zum Öffnen da

13. Söhne und Töchter des Bundes - Gemeinsamkeit leben
(Apostelgeschichte 3, 12-16. 19-20. 25)
Nach der Heilung des Gelähmten an der sog. ‚schönen Pforte‘ im Tempelbezirk in Jerusalem läuft das Volk zusammen. Petrus nützt die Gelegenheit zu einer missionarischen Predigt.
Missionarisch heißt für ihn hier: Er bekennt seinen Glauben an Jesus als den Christus, den Fürst des Lebens' und verbindet diesen Glauben mit den Wurzeln Israels, mit dem Stammvater Abraham.

Damit schlägt er den Bogen zwischen den Religionen, aber doch im klaren Bekenntnis zum dreieinigen Gott. Wer auf dieser Seite in die Kirche will, muss an die Wurzel greifen, die den Türgriff bildet, kommt nicht vorbei an der Tiefe und Weite des Glaubens. Er begreift die Geschichte und nimmt damit in die Hand, dass das Judentum die Wiege des Christentums ist.

Von der Hebräischen Bibel her (wir sagen Altes Testament) öffnet sich das Neue Testament. Der Gott der Hebräischen Bibel ist auch der Gott Jesu Christi, der in Christus Mensch geworden ist. Er ist die Tür zu Gott selbst.