Der Altarraum

Die evangelische Stadtkirche Neu-Ulm schien nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wenig beschädigt.
Eine Fliegerbombe, die in der Schützenstraße eingeschlagen war, hatte alle Fenster zu Bruch gehen lassen, Rauchspuren und einen Schaden am Dach hinterlassen.
Aber die Kirche selbst ragte aus einer riesigen Trümmerlandschaft heraus, die sich ja auch auf die Württemberger Seite erstreckte.

In den 60 Jahren wurde aber immer deutlicher, dass man an einer grundlegenden Sanierung der Kirche nicht umhin kam.

zum Erntedankfest geschmückt
Bildrechte: Bauer

Da die Gemeinde im Krieg alle Gebäude außer der Kirche verloren hatte, wurde dringend nach einer Möglichkeit gesucht, Räume für die verschiedenen Angebote der Gemeindearbeit zu finden.
Aus dem anfangs belächelten Vorschlag „dann bauen wir halt unter der Kirche“ entstand dann die Gestalt von Kirche und Gemeinderäumen unter einem Dach, wie Sie sie jetzt kennen.

Mit der Altarinsel, die der Bildhauer Karl-Heinz Hofmann konzipiert hat,  hat man den Gedanken der Gemeindezentriertheit Rechnung getragen.
Hoffmann hat für sein Wirken u.a. den Kunstpreis der Bayerischen Landeskirche erhalten.

Für viele ältere Gemeindemitglieder war die neue Gestaltung des Kircheninneren nach dem Umbau von 1970/71 nicht nur sehr gewöhnungsbedürftig, regelrecht schmerzhaft, viele trauerten dem alten Altar und dem Kreuz nach.
Daher haben Dekan Klaus-Peter Schmid und die Pfarrer der Kirche immer wieder die Gelegenheit genutzt, in ihren Predigten die Gemeinde an die neue Gestaltung heranzuführen.

 

das Scheibenkreuz in der Petruskirche
Bildrechte: Bauer

Das Scheibenkreuz

Auszüge aus der Predigt von Pfarrer Horst Birkhölzer zum Sonntag Invokavit, 20.02.1972:

Was der Künstler wollte, müsste er selber sagen. Viele Kunstwerke allerdings sind so gemacht, dass sie verschiedene Deutungen zulassen.
Der Betrachter wird eingeladen, mit dem Kunstwerk Zwiesprache zu halten, er wird angeregt zu eigenen Gedanken und Erfahrungen. Jeder darf dabei ruhig seinen eigenen Zugang wählen.

Weil die meisten Menschen diese Geschichte von Jesus kennen, deswegen kann man ein einfaches Kreuz als Zeichen aufhängen. Jeder denkt dann an Jesus.
Käme aber einer, der diese Geschichte gar nicht kennt in die Kirche und sähe das Kreuz, er müsste fragen, wieso ist ausge­rechnet dieses Folterinstrument für euch ein heiliges Zeichen?
Zum Kreuz gehören seine Geschichte und seine Bedeutung.
Das sieht man bei dem Kreuz über unserem Altar sofort.
Die große Scheibe zwingt uns gleichsam dazu, nach der Bedeutung zu fragen. Warum so fragt man, wurde das so gemacht und nicht anders.
Man kann sich da nicht einfach zurücksetzen und sagen: „aha, ein Kreuz, ein Kreuz gehört eben in die Kirche und damit fertig." Man merkt dieser Darstellung an, dass sie eine Predigt halten will.

Die Darstellung, die jetzt über unsern Altar hängt, fordert uns heraus, nach der Bedeutung des Kreuzes für uns heute zu fragen. Das Kreuz in einer runden Scheibe. Ein Kreis, das ist zunächst eine geometrische Figur. Solche Figuren regen dazu an, sie auszufüllen, sich etwas dabei zu denken
(...)

Denken wir uns einmal, der Kreis wäre das Leben. Dein Leben, mein Leben, unser Leben.
Jetzt fällt Dir sofort etwas auf. Die Scheibe ist zwar als Ganzes rund, ihre Oberfläche aber ist wellig, uneben, voller Risse und Kanten, es gibt Licht und Schatten.
Das passt. So sind die Erfahrungen des Lebens. Das Leben ist ein Auf und Ab und man könnte sich jetzt ein wenig bei den Schwierigkeiten und Problemen des eigenen Lebens aufhalten.
Freilich, nicht allzu lange, denn tiefer und auffallender ist nun dieser rauen Oberfläche das Kreuz eingeprägt. Es ist eingeprägt, nicht oben draufgesetzt.
(...)

Hier wird deutlich, dass es um mehr geht. Das Kreuz muss an Leben zu erkennen sein. Das Kreuz hinterlässt seine Spuren im Leben, daran erkennt man seine Bedeutung, nicht an den Worten, die einer darüber macht.
Und noch eins ist deutlich: Dort, wo sich das Kreuz ins Leben eines Menschen einprägt, da gibt es harte Kanten, da werden Lebenslinien unterbrochen.
Wie das praktisch geschieht? Ich meine, das kann ganz verschiedene Gestalt haben: Ist es nur Zufall, dass das Kreuz in der Mitte der Scheibe nicht aus einem Stück besteht, sondern aus mehreren zusammengefügten Bohlen.
Jeder hat sein eigenes Kreuz. Ja, jedes Leben hat nacheinander verschiedenartige Begegnungen mit dem Kreuz.
(...)"

die Kanzel
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Dass die zeitgenössische Kirchenkunst in diesem Scheibenkreuz einen besonderen Ausdruck gefunden hatte, wurde 1979 noch einmal besonders deutlich. Das Kreuz wurde von einer Fachjury ausgewählt, um mit weiteren Exponaten bei einer Ausstellung zum evangelischen Kirchentag in Nürnberg gezeigt zu werden. Heute ist das große Holz-Scheibenkreuz für viele Gemeindemitglieder „das Erkennungszeichen“ ihrer Kirche.
Das Petruskirchen-Logo ist dem Holzkreuz nachempfunden.
    
Der Schalldeckel der aufwändig geschnitzten Holzkanzel wurde bei der Innenraumrenovierung 1951 entfernt. Mit Anschaffung der neuen Paramente hat der Kirchenvorstand beschlossen, dass die Kanzel zukünftig kein Parament mehr tragen wird, sondern diese am Altar angebracht werden.